Prof. Dr. Michael Schredl: Klarträumen lernen - Wissenschaft statt Mythos
Du wachst auf. Greifst dir an den Mund. Alles ist noch da. Aber das fliegende Gefühl bleibt. Es war so greifbar. Du standest im Traum und wusstest: Das hier ist nicht echt. Und trotzdem war es da.
Klingt das vertraut? Vielleicht bist du nach diesem Erlebnis sofort aufgewacht. Vielleicht konntest du den Traum dann steuern. Dieses Phänomen hat einen Namen: Luzides Träumen. Und die Forschung von Schlafexperten wie Prof. Dr. Michael Schredl zeigt: Das ist keine spirituelle Sonderbegabung.
Jeder kann es lernen. Dein Gehirn ist darauf vorbereitet. Es ist ein faszinierender Hybridzustand, bei dem dein Wachbewusstsein in der wildesten Phase deines Schlafs aufwacht – der REM-Phase.
Der Beweis aus dem Schlaflabor: Augenbewegungen im Klartraum
Lange Zeit war das Klarträumen eine Anekdote. Eine seltsame Geschichte, die man Freunden erzählt. Heute ist es messbar. Wissenschaftler bringen Menschen in Schlaflabore, kleben ihnen Elektroden an den Kopf und warten. Das Entscheidende: Sie warten auf ein vorher vereinbartes Signal.
Denn in einem Klartraum bist du bei vollem Bewusstsein. Du kannst Absprachen vom Tag umsetzen. Schredl und seine Kollegen nutzen das. Sie sagen dem Probanden: „Wenn du klar träumst, bewege deine Augen zweimal schnell von links nach rechts.“ Und genau das passiert dann auf den Aufzeichnungen. Die Augenmuskeln sind eine der wenigen Muskelgruppen, die während der REM-Schlaflähmung noch willentlich gesteuert werden können.
Das ist der physikalische Beweis. Dein Körper ist in einer Art Starre, die dich davor schützt, deine Träume auszuleben. Aber dein Geist ist hellwach. Er erkennt die Traumumgebung als konstruierte Realität. Das wirft eine Frage auf: Warum schaltet das Gehirn überhaupt in diesen Modus?
Es könnte ein Nebenprodukt unserer enormen Gehirnaktivität in der REM-Phase sein. Oder ein Werkzeug für die Problemlösung. Wenn du dich intensiv mit einem Thema beschäftigst – wie dem Klarträumen selbst – feuern die entsprechenden neuronalen Netze auch nachts weiter. Irgendwann wird der präfrontale Kortex, unser rationales Zentrum, wach genug, um sich zu melden: „Moment mal, das hier ergibt keinen physikalischen Sinn.“
Vielleicht kennst du das Gefühl aus einem ganz normalen Traum. Da denkst du kurz: „Das ist unmöglich.“ Und dann geht der Traum einfach weiter. Beim Klartraum hältst du an diesem Gedanken fest. Du durchbrichst die Illusion. Das ist keine Magie, sondern ein Trainingszustand deiner neuronalen Schaltkreise. Es ist, als würdest du im Fitnessstudio eine neue Übung lernen – nur für dein Bewusstsein.
Für einen tieferen Einblick in die Rolle der REM-Phase, die diese wilden Bewusstseinszustände erst möglich macht, lohnt ein Blick in den Artikel über die REM-Phase.
Realitäts-Checks: Warum du dich am Tag kneifen musst
Die einfachste Technik klingt banal. Ist sie aber nicht. Sie heißt Realitäts-Check. Und sie funktioniert nach einem simplen Prinzip: Gewohnheit. Dein Gehirn ist faul. Es folgt etablierten Pfaden. Tagsüber lebst du in der Annahme, dass deine Realität stabil ist. Du kneifst dich nicht, um zu prüfen, ob du wach bist.
Genau das musst du ändern. Du musst diese Prüfung zur Gewohnheit machen. So sehr, dass sie auch in den Traum übergeht.
Hier sind die effektivsten Checks, die aus der Praxis stammen:
- Die Atemprobe: Halte dir die Nase zu und versuche, durch sie ein- und auszuatmen. Im Wachzustand ist das unmöglich. In einem Traum wirst du oft weiteratmen können, weil dein schlafender Körper dir diesen Sinneseindruck simuliert.
- Der Uhren-Trick: Schau auf eine digitale Uhr oder einen Text, schau weg und dann sofort wieder hin. Im Traum ändern sich Details oft willkürlich. Die Uhrzeit springt oder der Text ist plötzlich Kauderwelsch.
- Der Fingerspitzen-Test: Versuche, mit dem Zeigefinger einer Hand durch die offene Handfläche der anderen zu stoßen. Im Traum geht der Finger oft einfach durch.
Der Trick ist die Regelmäßigkeit. Nicht einmal am Tag. Mindestens fünf bis zehn Mal. Immer dann, wenn etwas Seltsames passiert – oder einfach zu festen Zeitpunkten wie beim Betreten eines Raumes.
Warum? Weil dein Traumbewusstsein deine Alltagsgewohnheiten kopiert. Wenn du dir am Tag nie die Frage stellst „Träume ich?“, wirst du es nachts auch nicht tun. Du trainierst dein Gehirn darauf, die Realität zu hinterfragen. Irgendwann, wenn du in einem Traum eine fliegende Katze siehst, wird automatisch das Training greifen: Du wirst dir die Nase zuhalten. Und dann wirst du atmen. Und in diesem Moment weißt du es.
Dieses Bewusstsein für die eigenen mentalen Prozesse ist ein zentraler Teil der Selbsterforschung, die auch in anderen psychologischen Ansätzen eine Rolle spielt, wie etwa im Prozess der Individuation nach Carl Jung.
WILD und MILD: Die effektivsten wissenschaftlichen Techniken
Neben den Realitäts-Checks gibt es zwei Hauptmethoden, die in der Forschung untersucht werden. Beide setzen an unterschiedlichen Schlafphasen an und fordern deine Aufmerksamkeit auf andere Weise.
MILD – Mnemonic Induced Lucid Dream
Das ist die Technik für Einsteiger. Du gehst abends mit einer klaren Absicht ins Bett. Kurz bevor du einschläfst, wiederholst du dir wie ein Mantra: „Heute Nacht, wenn ich träume, werde ich erkennen, dass ich träume.“ Visualisiere dabei, wie du in einem Traum stehst und den Realitäts-Check machst. Sieh dich um und sag dir: „Das ist ein Traum.“
Wichtig ist der Moment der Wachheit. Du musst nach 4-6 Stunden Schlaf kurz aufwachen. Bleibe dann für einige Minuten wach, lies vielleicht etwas über Klarträumen und leg dich dann mit genau dieser Absicht wieder hin. Die Wahrscheinlichkeit, direkt in einen luziden Traum zu gleiten, ist in dieser zweiten Schlafperiode am höchsten.
WILD – Wake Induced Lucid Dream
Diese Methode ist anspruchsvoller. Sie erfordert Übung. Und eine Menge Geduld. Hier versuchst du, direkt aus dem Wachzustand in einen Klartraum zu gelangen, ohne das Bewusstsein zu verlieren.
Du legst dich hin und bleibst völlig regungslos. Dein Körper wird müde und beginnt, in die Schlafparalyse zu gleiten. Das ist der natürliche Zustand vor der REM-Phase. Dabei können hypnagogische Bilder auftauchen – wirre, farbige Formen oder kurze Szenen. Die Herausforderung ist jetzt, ruhig und beobachtend zu bleiben, ohne dich von der aufkommenden Schlafstarre erschrecken zu lassen. Keine Panik.
Dann passiert es: Die Bilder werden lebendiger, umhüllen dich, und plötzlich bist du „drin“, ohne jemals eingeschlafen zu sein. Du betrittst den Traum bei vollem Bewusstsein. Das ist der Königsweg. Und er funktioniert nur, weil du die Grenze zwischen Wachsein und Träumen bewusst überschreitest.
Viele geben bei WILD zu früh auf, weil der Zustand der Lähmung ungewohnt und beängstigend sein kann. Wenn du mehr über diesen physiologischen Prozess erfahren willst, erklärt der Artikel über Schlafparalyse genau, was dabei im Körper passiert.
Was bleibt also?
Nutze diese Erkenntnis. Sie ist kein Esoterik-Geheimnis, sondern das Ergebnis von jahrzehntelanger Schlafforschung. Prof. Dr. Schredls Arbeit hat den Klartraum aus der mystischen Ecke geholt und auf den Labortisch gelegt.
Dein erster Schritt ist einfach. Fange heute an. Stelle dir fünfmal am Tag diese eine Frage: „Bin ich gerade wach oder träume ich?“ Mach sofort einen Realitäts-Check. Halte dir die Nase zu und atme. Schau zweimal auf die Uhr.
Das ist das Training. Dein Gehirn lernt das Hinterfragen. Und irgendwann, vielleicht schon in wenigen Wochen, wirst du nachts genau das tun. Du wirst im Traum stehen, die Nase zuhalten, atmen – und lächeln. Denn du weißt es jetzt. Du träumst. Und diese Welt gehört für die nächsten Minuten dir.